DAS GROSSE ETWAS - Hans Aichinger und Matthias Kanter | Malerei


Sonderausstellung
vom 10.07. bis 06.11.2022 im Kunsthaus Salzwedel

Das Team des Kunsthauses freut sich sehr, für die Ausstellung der beiden besonderen Künstler aus Leipzig und aus Friedrichshagen (Mecklenburg) erstmals die gesamte Ausstellungsfläche zu einer Ausstellung zusammenzufügen.

Hans Aichinger und Matthias Kanter – die Arbeiten der Künstler verhalten sich diametral zueinander. Arbeitsweise und Gestus sind nicht nur unähnlich, sondern enorm abweichend voneinander. Gerade darin liegt die Spannung, denn beide Künstler beschäftigen sich mit Form und Farbe, mit Sinn und Inhalt, mit Gegenständlichkeit, Konzentration und einem verbildlichten Innehalten, das zwischen Konkretheit und Unbestimmtheit blitzschnell wechselt. Der dazwischen liegende Spannungsraum kann für jede Betrachter*in eine lohnende Gedankeninspiration sein. Das große Etwas liegt in der Luft – die Suche danach kann zur Anregung werden.

Hans Aichinger
Sehen wir genau hin. Die Attraktion im Bild ist ein Kragen, ein Ohr, der opulente Faltenwurf eines gewöhnlichen zeitgenössischen Textils oder eine leicht manieriert ausgestellte Hand. Hans Aichingers zumeist jugendliche Darsteller sind ausstaffiert mit offenbar bedeutsamen Utensilien und Merkmalen von großartig einfacher Natur. Ihr milde-melancholischer Blick ist auf das Unsichtbare gerichtet. Dieser Blick lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Komponente von höchstmöglicher Abstraktion. Grandezza verleiht Aichinger malerisch eher nebensächlichen oder simplen Dingen. Tatsächlich erhöht er sie und schafft damit zugleich den Raum für ein individuelles unbestimmtes Narrativ. Das theaterhafte Figurenarrangement, das prononcierte Licht und mittels Lasuren erzeugtes Raumtiefe-Empfinden lassen eine hochkonzentrierte, bühnenartige und überwirkliche Situation entstehen. Wo sie an Reales grenzt, lässt sich nicht sicher feststellen. (Quelle: reitergalleries)

Matthias Kanter
Ich kenne keinen anderen Maler, der sich so intensiv mit der Wirkung von Farbe beschäftigt wie er. Bei seiner Beschäftigung mit der Geschichte der Malerei hat er sich auf die Farbe als Bedeutungsträger und als raumbildendes Element im Bildraum konzentriert. Die Erforschung subtiler Farbklänge und das Transportieren von Emotionen allein durch Farbe ist zu seinem zentralen Thema geworden. Seine Werke – so reduziert und einfach sie auf den ersten Blick wirken mögen - erfordern eine emotionale Öffnung des Betrachters und ein genaues Erspüren der einzelnen Farbsolisten, die erst zusammen ein Konzert ergeben. Wie in einer gelungenen musikalischen Komposition ergänzen sich die einzelnen Farben, bilden Kontrapunkte oder antworten aufeinander und ergeben erst zusammen ein Werk. (Quelle: Martin Mertens)

Das große Etwas ist die umfangreichste und imposanteste Ausstellung, die das Kunsthaus Salzwedel seit seiner Eröffnung im Jahr 2016 zeigt. Für die befreundeten Künstler Aichinger und Kanter wird die gesamte Ausstellungsetage des Hauses bespielt. Kunstkenner*innen und Interessierte sollten diese außergewöhnliche Exposition nicht verpassen.

Nähere Informationen gerne beim Kunsthaus Salzwedel unter info(at)kunsthaus-salzwedel.com und per Telefon unter: 03901 3022 777.

Die Ausstellung ist ab 10.07.2022 täglich von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 14:00 - 17:00 Uhr im Kunsthaus Salzwedel geöffnet.

Der Eintritt beträgt für Erwachsene 7,00 € und ermäßigt 5,00 €. Für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre ist der Eintritt frei.

________________________________________

KÜNSTLER-INTERVIEW | 04.07.2022
________________________________________

Kunsthaus
Wir freuen uns eine Auswahl Ihres malerischen Schaffens ab 10.07.2022 im Kunsthaus Salzwedel zeigen zu können. Kennen Sie die Hansestadt? Was verbinden Sie mit ihr?


Hans Aichinger
Ich kenne Salzwedel nicht, liebe aber den Baumkuchen.

Matthias Kanter
Die Altmark ist für mich durch viele Ferien an der Biese in Osterburg Kindheit. Salzwedel stand für den Baumkuchen. Das Vorfahren sogar in Salzwedel gelebt haben, erfuhr ich erst später.

Kunsthaus
Ihre Werke sind recht unterschiedlich in der Inszenierung und beim Umgang mit Farbe und Pinsel. Deshalb die Frage: Wo liegen Ihre Gemeinsamkeiten bei der künstlerischen Arbeit? Was verbindet Sie?


Hans Aichinger
Matthias habe ich während seines kurzen Leipzig-Intermezzos kennengelernt. Er war damals mein Ateliernachbar in der Spinnereistraße. Trotz der unterschiedlich anmutenden Malereien gibt es Gemeinsamkeiten. Unsere Bilder haben einen langen gedanklichen Vorlauf und die Kunstgeschichte sitzt immer mit in unseren Ateliers. Wenn ich bei Matthias in Friedrichshagen bin, sehe ich liebreizende Gespenster von Malern, die vor 500 Jahren gelebt haben durch den Raum schwe-ben. Außerdem hören wir die gleiche Musik.

Matthias Kanter
Die Fragestellungen sind viel ähnlicher als die malerischen Antworten vermuten lassen. Der Zweifel an der Avantgardegläubigkeit des 20. Jahrhunderts? Die Erfahrung von „Geistigkeit“, die sich im Begriff des Handwerks verbirgt? Das Sujet als Vorwand für Malerei?

Kunsthaus
Der Blick auf das Unsichtbare, das Sinnierende, das mentale Schweben einiger Ihrer Protagonisten… Herr Aichinger, Ihre Werke regen den ersten, aber noch mehr den zweiten Blick an. Man denkt viel zu erkennen und doch ist da etwas, was sich unserem herkömmlichen Sehen entzieht. Können Sie dieses Etwas näher skizzieren?  


Hans Aichinger
Wir leben in einer vollständig bebilderten Welt. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen sehen wir in Bildermaschinen. Das Gezeigte hat eine Gemeinsamkeit. Es spricht unaufhörlich. Die köstlichen Raritäten sind jedoch Bilder, die uns zum Schweigen bringen. Da, wo uns der Versuch zu sprechen misslingt, wir nicht mehr reden müssen, dürfen wir endlich still sein.

Kunsthaus
Herr Kanter, Sie arbeiten ganz anders als Hans Aichinger. Welchen Stellenwert hat das Thema Farbe für Sie? Welchen Stellenwert hat das Haptische?


Matthias Kanter
Während meiner künstlerischen Sozialisation war der bewusste Umgang mit Farbe als eine wesentliche Möglichkeit der Malerei eher unterentwickelt – zumindest in Deutschland. Lehrbarkeit repräsentierten in Dresden eher die Zeichner. Spätestens mit den Jahren in Venedig wurde der historische Konflikt zwischen der „wirkenden“ Farbe als Bildgegenstand und den repräsentativen Möglichkeiten mir deutlich. Daraus entwickelte sich mein persönlicher „Forschungsauftrag“ zur Farbe… bis hin zur Entwicklung einer eigenen Maltechnik. Diese hat die Möglichkeiten der Lasurmalerei (Farben durch Untermalung räumlich zu fixieren) mit der Veränderlichkeit durch Licht, die nur das Fresko in seiner trockenen kristallinen Oberfläche bietet, verbunden. Wasser ist das entscheidende Malmittel, in dem das Bild als eingefrorener Glücksmoment auftrocknet.

Kunsthaus
Ihren Werken hängt etwas Musikalisches an – als ob sich die Gegenstände wie in einer Symphonie miteinander verbin-den und ein großes Ganzes bilden. Gleichzeitig schweben alle Elementarsolisten allein im Raumgefüge. Was inspiriert Sie zu Ihren Werken? 
   

Matthias Kanter
Dazu verweise ich oft auf ein gutes Konzert von z. B. Bach. Wir spüren, dass etwas elementar Wesentliches von der Bühne strömt… ohne dieses „Etwas“ in Worte fassen zu können. Trotzdem ist es nicht beliebig, nur fehlen uns gerade die Worte. Während des Konzertes entstehen in unserem Kopf durch die Musik konkrete Bilder und Geschichten. Der Mensch neben uns hat aber einen anderen Film. Auslöser ist die Musik. Das kann die Malerei auch. Inspirieren lasse ich mich oft von Erinnerungen und Bildern anderer Kollegen. Ich brauche ein Gegenüber, an dem ich meine Bildentscheidungen abstimme. Wenn ich an Giovanni Bellini den-ke, entsteht ein anderes Bild als bei Tiziano oder Morandi. Als Grundprinzip geht es immer um eine Shakespeare-Aufstellung. Jeder und Jedes soll möglichst gleiche Rechte bekommen, um im Gespräch der Farben mitspielen zu können. Man nannte das auch mal „All Over“. Ein durchaus musikalisches Kompositionsprinzip.

Kunsthaus
Herr Aichinger können Sie mit dem Begriff Superrealismus etwas anfangen? Ein Begriff, der für die Detailgenauigkeit, mit der Sie arbeiten, Verwendung findet.


Hans Aichinger
Es beruhigt und beglückt mich, dass es die Realität gibt. Ich kann einen Tag meines Leben damit zubringen, den Faltenwurf einer Sportjacke oder ein Gesicht zu studieren. Die Gravitation, der Elektromagnetismus, die schwache und die starke Atomkraft bilden den faktischen Rahmen unserer Welt. Der Rest ist relativ und kann interpretiert werden. Meine Versuche die Realität mit liebevoller Gründlichkeit wiederzugeben, leben von der Hoffnung auf genau diesen Rest. Wenn alles gutgeht, kann das Sichtbare auf das Unsichtbare verweisen.

Kunsthaus
Wir leben in einer Zeit, in der künstlerisches Schaffen neu entdeckt werden muss von Menschen. Viele haben inzwischen mit rein existentiellen Dingen zur Bewältigung ihres Lebens zu tun und widmen sich dem Luxus des künstlerischen Genusses weniger. Spüren Sie, dass sich etwas geändert hat in der Gesellschaft?


Hans Aichinger
Von ihrem Anbeginn an, war die Menschheit mit der Sicherung ihrer Existenz beschäftigt. Sinnsuche, Erklärung und Trost sind aber auch existenzsichernde Aufgaben. Kunst ist eine von vielen Kulturtechniken, die wir Menschen erfunden haben, um solche Aufgaben anzugehen. Insofern ähnelt unsere Gesellschaft allen vorangegangen. Auch die Bedeutung der Kunst hat sich meiner Meinung nach nicht geändert. Kunst als sinnstiftende Erfahrung war schon immer eine Minderheitenveranstaltung. Der Materialismus und die Ökonomie haben doch längst gewonnen.

Matthias Kanter
Eine gefühlte Begabung zu nutzen ist immer auch ein fast religiöser Auftrag und der mühsamere Weg eher Prüfung als Hindernis. Es gab in der Geschichte bessere, aber auch viel schlechtere Umstände. Sicher werden die Zeiten gerade nicht besser, aber wer an die Fensterbilder von Oskar Schlemmer denkt, weiß das es dem Werk nicht schaden muss. Solange man es vor Zerstörung schützt, läuft die Möglichkeit seiner Wirkung über die Zeiten. Ein Vorteil der Malerei!

Kunsthaus
Vielen Dank für das Gespräch.


Öffnungszeiten

Ausstellungen:
Di-So, 14-17 Uhr

Büro:
Mo-Mi, 10-12 Uhr